8. Literarisches Adventfenster

Herbergsuche

Maria und Josef waren auf der Flucht. Als ihr Kind in Betlehem geboren wurde, überwog das Glück der Eltern über die Geburt ihres Sohnes. Doch die politische Lage war eine Bedrohung für das Leben ihres Kindes. Sie machten sich auf den Weg, auf eine Reise ins Ungewisse. Ihr Ziel war Ägypten. Die Reise brachte Maria in foto-8-eva-maria-darneinen Zustand tiefer Erschöpfung. Maria war dankbar für ihren Esel, der sie stundenlang geduldig auf seinem Rücken trug, sie war dankbar für Josef an ihrer Seite und froh, dass ihr Kind die Strapazen der Flucht an ihrer Brust verschlief. Ägypten war weit, Ägypten war fremd. Maria und Josef hatten Heimweh. Sie sehnten sich nach Nazareth, nach ihrem kleinen Häuschen und nach den Menschen, die ihnen vertraut waren. Aber sie wussten, solange Herodes an der Macht ist, gibt es keine Rückkehr.

Auch Ali musste flüchten. Von den vielen Stationen seiner Flucht aus Syrien erinnert er sich nur an das Lager hinter der türkischen Grenze. Dort musste er seine Frau zurücklassen. Die Namen der fremden Städte, Flüsse, Grenzen und Bahnstationen hat die Angst aus seinem Gedächtnis gelöscht.

Ali darf in Vorarlberg bleiben. Jetzt sucht Ali eine kleine Wohnung für sich und seine schwangere Frau. Er geht durch die Straßen der Stadt. Es gibt so viele Fenster hinter denen nie ein Licht brennt. Es gibt so viele leere Wohnungen. Manchmal möchte Ali an einer Türe klingeln und um eine Bleibe für sich, seine Frau und sein Baby bitten.

Ali hat wenig Hoffnung. Seine Frau wird ihr Kind im Flüchtlingslager zur Welt bringen müssen.

Wenn Ali in seinem kleinen Zimmer sitzt und den Mond betrachtet, sieht er darin das Gesicht seiner Frau. In den Wolkenformationen, in den Sonnensprenkeln, in den Schattenspielen sieht er das Gesicht seiner Frau. Aus dem Lexikon leuchtet das Gesicht seiner Frau und die deutschen Worte schwimmen auf den Tränen davon.

Ich musste noch nie flüchten. Ich lebe mit meinem Mann in Sicherheit. Wir haben ein Dach über dem Kopf, ein Auto in der Garage und einen Notgroschen auf der Bank Unsere beiden Kinderzimmer sind schon lange leer. Ich habe warme Winterkleidung für die Flüchtlinge gespendet und der Bettler vor dem Supermarkt bekommt von mir eine Münze. Und manchmal schäme ich mich, weil das was ich tue, so lächerlich wenig ist

Bald ist Weihnachten

Text: Rita Stemberger/Röthis

 

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