19. Literarisches Adventfenster

wenn`s Weihnacht wird…

Foto 16 ein Blick hinaus Evelyn Wiesinger

Sie wachte auf, setzte sich ans Fenster und bemerkte, wie anders die Bäume über Nacht geworden sind, als hätte sie jemand weichgezeichnet. Es hatte geschneit. Sie kannte Schnee nicht. Gerne hätte sie gewusst, wie sich dieses Weiß anfühlt, wenn sie es in den Händen hält. Wie hätte sie da geschaut, wenn die Eiskristalle sich auflösen, zu Wasser werden und zwischen den Fingern zu Boden tropfen. Wie sich das anfühlte, blieb für sie im Moment ein Geheimnis, denn sie konnte den Schnee nicht hereinholen. Das Fenster ließ sich nicht öffnen, den Raum verlassen, kam für sie nicht in Frage. In diesem Moment fühlte sie sich in eine Welt versetzt, die für sie weder eine Geschichte noch eine Zukunft hatte. Niemand hatte ihr erklärt, wie sie hierhergekommen war. Wäre jemand auf die Idee gekommen, mit ihr dies zu erklären, hätte sie sowieso nichts verstanden. Nur ihr Begleiter hätte Deutsch verstanden und geredet, so einigermaßen halt. Er hatte ihr ein gemeinsames Leben versprochen, aber nur ihren Körper genommen. Sie dann an der Grenze ausgesetzt, als wäre sie eine räudige Hündin. Sie hatte nicht gewusst, wohin der Weg sie führte. Allein war sie und erschöpft. Sie fiel, blieb bewusstlos liegen, bis jemand sie fand und sie hier her brachte. Zusammen mit den wenigen Habseligkeiten, die sie bei sich trug. Ein Foto von ihrem kleinen Bruder, der in einem viel zu großen, bunt geblümten Hemd steckte und ihr entgegen lachte, ein kleines silbernes Medaillon von ihrer Mutter und ein Heft, dem sie ihre Gedanken anvertraute. Sie nahm dieses Heft suchte eine leere Seite und schrieb:

ich, die Hoffnungslose

schreib ins Morgengrau

schreib für die Welt

schreib bang

mit wenigen Worten

von einem Mund

der still erzählt

ich, die Suchende

schreib in das Mittagsblau

schreib für die Welt

schreib abseits

mit fragenden Worten

vom Frieden

nach dem ich mich sehn

ich, die Einsame

schreib in den Abendschatten

schreib für die Welt

schreib verlassen

mit suchenden Worten

von meiner Hand

die mir keiner hält

ich, die Verzweifelte

schreib in den Nachteissturm

schreib für die Welt

schreib fern

mit sehnsüchtigen Worten

an mein Daheim

das mir so fehlt

Tage vergingen. Ihre schlaflosen Nächte dünnten sich aus. Bis jener Morgen kam. Er war neu und frisch. Sein Licht heller wie zuvor. Vom Weihnachtsmarkt drang Stille Nacht, Heilige Nacht in ihr Zimmer. Sie hatte geglaubt, nie wieder die Kraft zu haben, um Weihnachten willkommen zu heißen. Sie setzte sich wieder mit ihrem Heft an ein Fenster, dieses war ein anderes. Sie blätterte darin, berührte mit ihren Fingerspitzen die schartigen Ränder. Sie fand die letzte leergebliebene Seite und schrieb:

angekommen

es ist,

als hätte ich heut an eine Tür geklopft,

die mich zu schwarz-weiß vergilbten Erinnerungen führt.

es ist,

als höre ich ein Lied,

das Frieden singt.

 

es ist,

als sähe ich einen Mund ganz nah vor mir,

der mir von dir und mir erzählt.

es ist,

als fände meine Hand in die deine und

du hieltest sie fest umschlossen.

es ist,

als wäre die Liebe nah.

Sie klebte an alten Mauern.

es ist, als wäre es Weihnacht geworden.

 

Text: Eva Maria Dörn/Schlins
Foto: Evelyne Wiesinger/Feldkirch

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s